Leseprobe

Kapitel 1
Ausstieg für den Einstieg

“Lass uns hinter der Insel lang fahren, da ist es viel romantischer. Vorn fahren alle lang”, höre ich meinen Vater noch sagen. Ich war acht, hatte gerade Alfons Zitterbacke Teil eins und zwei gelesen und fühlte mich nun reif für die großen Abenteuer, die da draußen irgendwo auf mich warten sollten. Mein Vater hatte ein Faltboot, ein Klepper, das irgendwie den Bombenangriff auf Dresden überstanden hatte. Ich liebte es. Ein eigenes Boot! Das war schon was Besonderes, aber ich durfte nie mitfahren.
“Viel zu gefährlich”, dozierte mein Vater immer mit strengem Blick. Aber jetzt fühlte ich mich groß genug und es war Sommer, August 62. Langsam wurden seine Warnungen unglaubwürdig und endlich hatte ich ihn so weit.
Wir fuhren also mit Boot, Bootswagen und Straßenbahn bis zur Endstation Pillnitz, bauten das Boot auf und setzten ein. Es war ein trockener Sommer. Viel Wasser führte die Elbe nicht, aber für ein Faltboot reichte es allemal. Ein ganzes Stück paddelten wir in Ufernähe stromauf, dann drehten wir den Bug in die Strömung, ließen uns vom schnelleren Wasser der Flussmitte herumziehen und trieben entspannt flussabwärts.

Schloss Pillnitz

Vor dem Schloss Pillnitz teilt sich die Elbe an einer Insel. Das Hauptfahrwasser führt direkt am Schloss vorbei. Nur ein kleiner Teil des Flusses will das Schloss nicht sehen und sucht sich einen anderen Weg. Das geteilte Wasser umspült eine lang gestreckte Vogelschutzinsel. Natürlich wäre ich viel lieber stolz wie Atze an den staunenden Touristen vorbei gepaddelt, die immer scharenweise auf der breiten Schlosstreppe stehen und auf den Fluss starren. Aber mein Vater entschied: “Hinter der Insel lang!” Und mein Vater hatte immer Recht.

Plötzlich war das Wasser weg. Was nun? Dreihundert Meter zurückpaddeln oder das Boot tragen? Mein Vater entschied: “Tragen! Das kann nicht weit sein”, war der Optimist überzeugt.

Wir schleppten und schleppten, aber das Wasser kam nicht zurück. Natürlich war das Boot für mich achtjährigen Dreikäsehoch viel zu schwer, aber das hätte ich niemals zugegeben. Außerdem war sowieso weit und breit keine andere helfende Hand zu sehen.
Erst als wir am Ende der Insel wieder auf den Hauptstrom stießen, konnten wir das Boot erneut einsetzen und weiterpaddeln. Ich war fix und fertig und total mit Schlamm verschmiert.
Den Rest der Tour hing ich nur noch erschöpft im Boot und ließ stumm die Landschaft an mir vorbei ziehen.

Kurz danach hat mein Vater das Boot verkauft. Ich habe nie verstanden warum. Offiziell hieß es: “Die Bootshaut wird brüchig” oder “eine Leiste ist gebrochen” und so weiter, aber es waren nur Ausreden.

Jetzt ist mein Vater tot. Noch vor dem Sommer ist er gestorben. Zwar haben wir uns nie so richtig gut verstanden, dazu war ich zu eigensinnig und er zu stur oder umgedreht. Also der typische Vater-Sohn-Konflikt. Umso schwerer fällt mir jetzt der Abschied von ihm.
Durch meinen Kopf ziehen viele Geschichten, die wir zusammen erlebt haben und ausgerechnet an unserer Bootstour auf der Elbe bleiben meine Gedanken hängen. Plötzlich habe ich eine Eingebung. Mit einem Schlag weiß ich ganz sicher: Ich paddle die Elbe! Nicht nur von Pillnitz bis Dresden, sondern die ganze Elbe. Von der Quelle bis zur Mündung.

Auf der Stelle überschlägt meine linke rationale Gehirnhälfte, was die emotionale Rechte da eben entschieden hat: Die gesamte Elbe ist 1091 Kilometer lang. Davon dürften knapp tausend Kilometer durchaus kanutauglich sein.
Wenn ich einen Tagesschnitt von 50 Kilometern annehme, brauche ich dafür 20 Tage. Das wäre die Leistungssport-Variante. Der Genusspaddler benötigt locker die doppelte Zeit, also 40 Tage. Dazu kommt das logistische Drumherum und vielleicht bleibe ich an manchem Ufer oder in mancher Stadt auch etwas länger, wenn es mir gefällt.

Gut, dann bin ich eben mal weg, einen Sommer lang. Und wer was von mir will, kann mich ja besuchen auf der Elbe!

Tommy Lehmann

Ich bin Paddler, überzeugter Paddler und begeisterter Flusswanderer. Paddeln ist für mich Meditation. Wenn ich im Boot sitze, ist der Rest der Welt ganz weit weg.
Ich genieße den “anderen Blick” auf die Dinge, den Blick aus dem Boot, den Blick vom Wasser. Nichts geht schnell. Paddeln ist Entschleunigung. Es gibt keinen Fluss, der vor mir sicher sein könnte.
Fulda, Werra, Weser, oder die romantische Lahn, natürlich auch Altmühl, Naab und Regen im Bayerischen Wald, oder die Peene im Norden, fast alle paddeltauglichen deutschen Flüsse liegen bereits in meinem Kielwasser.

Warum ich seit dieser kurzen Tour mit meinem Vater nie wieder auf der Elbe gepaddelt bin, weiß ich nicht. Jetzt aber steht es fest: Dieser große erhabene Strom vor meiner Haustür ist dran und zwar sofort.